Goitzschelandschaft

Donnerstag, 3. Mai 2007

Wanderschaft

Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus,
da bleibe, wer Lust hat, mit Sorgen zu Haus!
Wie die Wolken dort wandern am himmlischen Zelt,
so steht auch mir der Sinn in die weite, weite Welt.

Frisch auf drum, frisch auf im hellen Sonnenstrahl
wohl über die Berge, wohl durch das tiefe Tal!
Die Quellen erklingen, die Bäume rauschen all' ;
mein Herz ist wie 'ne Lerche und stimmet ein mit Schall!

O Wandern, o Wandern, du freie Burschenlust!
Da weht Gottes Odem so frisch in die Brust;
da singet und jauchet das Herz zum Himmelszelt:
"Wie bist du doch so schön, o du weite, weite Welt!"

Und abends im Städtchen, da kehr ich durstig ein:
"Herr Wirt, mein Herr Wirt, eine Kanne blanken Wein!
Ergreife die Fiedel, du lust'ger Spiemann du!
Von meinem Schatz das Liedel, das singe ich dazu."

Und find ich kein Herberg', so liege ich zur Nacht
wohl unterm blauen Himmel, die Sterne halten Wacht;
im Winde die Linde, die rauscht mich ein gemach,
es küsset in der Frühe das Morgenrot mich wach.

Text: Emanuel Geibel
(1815-1884)

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